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"Wir wollen Vorbehalte aufbrechen"

Im Interview stellt Dariusz Zalega die Zeitung Trybuna Robotnicza vor

Freitag 16. Mai 2008 von Norbert Kollenda

Seit Oktober 2006 kommt im niederschlesischen Kattowitz die Wochenzeitung Trybuna Robotnicza heraus. Sie will unabhängig sein von den beiden großen Strömungen in der polnischen Arbeiterbewegung der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts: den ehemals regierenden Stalinisten und Poststalinisten und der damals oppositionellen, heute neoliberalen Solidarnosc. Trybuna Robotnicza wird von der unabhängigen Gewerkschaft Sierpen 80 (August 80) herausgegeben, die der Polnischen Partei der Arbeit (PPP) nahe steht. Ihr Chefredakteur ist DARIUSZ ZALEGA. Mit ihm sprach Norbert Kollenda.

An welche Leser wendet sich eure Zeitung?

Wenn wir auch eine Zeitung sind, die der PPP (Polnische Partei der Arbeit) nahe steht, so sind wir doch offen für linke Bewegungen, seien es Anarchisten, Vertreter verschiedener Parteien und sozialen Bewegungen. Wir sind und wollen keine Parteizeitung sein. Eben auch deshalb, weil es in Polen im linken Spektrum schon genug kleine in sich geschlossene Grüppchen gibt. Wir versuchen da herauszukommen. Unsere Leser sind recht unterschiedlich. Dies hat beispielhaft eine Diskussion über die Verhängung des Kriegsrechts 1981 gezeigt. Viele unserer Leser haben das Kriegsrecht verteidigt, andere sind der Auffassung, dass dadurch die Revolution der Arbeiter für immer erstickt wurde. Wenn ich auch zur zweiten Auffassung neige, so kann uns dies nicht trennen. Unser Ziel ist es, den Aufbau einer starken Linken und einer Arbeiterbewegung in Polen zu stärken.

Welche Themen sind euch wichtig?

Wir sehen es als unsere Aufgabe, Brücken zu bauen, zum Beispiel zwischen jungen Globalisierungskritikern und Gewerkschaftern. Wir informieren über Linke in Europa und der Welt, wir haben auch viel über die Bildung der Partei Die Linke in Deutschland geschrieben, mit unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Auffassungen. Wir berichten über die Arbeiterbewegung und über den deutschen Antifaschismus und wollen so Stereotypen bei unseren Landsleuten brechen. Wir sind eine Nischenzeitung, aber nicht unbeachtet. Eine niederländische Firma hat uns verklagt, weil wir berichtet haben, unter welchen Bedingungen polnische Arbeiter dort eine Asbestsanierung durchführen mussten.

Trybuna Robotnicza steht nicht nur der PPP, sondern auch der Gewerkschaft Sierpien 80 nahe. Immer wieder werden Vorwürfe über deren rechte Vergangenheit laut. Vor allem Holger Politt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) in Warschau warnt vor euch? Was ist daran?

Es ist uns bekannt, dass solche Vorwürfe laut wurden — und das schlimmste ist, wir können uns nicht dagegen wehren. Unserer Auffassung nach ist das eine „stalinistische” Methode, unabhängige — auch finanziell unabhängige — Bewegungen zu diskreditieren. Diese Vorwürfe sind eine Beleidigung für die Menschen, die ihre Kraft und Zeit für die Rechte der Arbeiter und unserer Zivilgesellschaft einsetzen, die dafür oft Benachteiligungen oder gar den Verlust ihres Arbeitsplatzes in Kauf nehmen müssen. Die Polska Partia Pracy (PPP) stützt sich auf die Gewerkschaft Sierpien 80, die Anfang der 90er Jahre während der Streiks in Schlesien entstand. Damals galt „Links” den jungen Aktivisten als etwas aus der Zeit des „kommunistischen” Regimes, oder es erinnerte sie an „Genossen”, die schnell die Seiten gewechselt hatten und mit einem Mal den neoliberalen Kapitalismus entdeckten und aufbauten. In dieser Situation des ideologischen Chaos gab es in der Gewerkschaft, die sich zunächst als apolitisch bezeichnete, rechte Tendenzen und extreme Ansichten. Dies ist viele Jahre her; und in sozialen Kämpfen und Kontakten mit Linken entwickelte sich die Gewerkschaft Sierpien 80 allmählich nach links. Dies führte zu einer Bewusstseinsbildung bei den Arbeitern, vor allen Dingen bei den Bergleuten, die allgemein als eher traditionell gelten. Diese traditionsverhafteten Arbeiter haben sogar feministische Demonstrationen in Warschau geschützt!

Verwundert bin ich schon über die Aussage der RLS, denn die Zusammenarbeit in Deutschland mit ihr steht auf einer guten Grundlage...

Auch für uns sind einige Dinge nicht zu verstehen und nicht nachvollziehbar. Auch uns ist bekannt, dass die RLS linke Bewegungen unterstützt. In unserem Land ist es wichtig, zu einer Verständigung unter den Linken zu kommen, um eine starke Linke aufzubauen. Aber wir sehen, dass bestimmte Gruppierungen sich in einem Wettlauf um Zuwendungen von der RLS befinden. Die einen scheinen dabei gut wegzukommen, andere weniger. Dies blockiert den Aufbau einer authentischen Linken. Uns werden vergangene Fehler vorgeworfen. Aber die RLS unterstützt die Gewerkschaft der Bergleute (ZZ Górników), deren Vertreter auf Listen von — sagen wir vorsichtig — Populisten (PiS und SO) zu den Wahlen kandidierten.

Passiert es nicht auch anderen Linken in Polen, dass sie Kontakte zu, sagen wir, populistischen Patrioten suchen?

Ja das ist eine gefährliche Erscheinung. Ein sehr geachteter radikaler Führer der Linken in Polen stand auf einer Wahlliste der Samoobrona ("Selbstverteidigung”, des populistischen Bauernführers Andrzej Lepper) zusammen mit notorischen Antisemiten. Die Samoobrona erklärte damals, sie wolle eine patriotische Linke aufbauen. Ich hoffe, dass solch „rot"-braune Schöpfungen in Polen keine Bedeutung mehr haben werden.

Wie ist die Situation auf der Linken in Polen? Im Frühjahr gab es ein Treffen, und dann ist die PPP allein zur Wahl angetreten.

Es gab im Juni einen Versuch, die Linke zusammen zu bringen. Daran nahmen vier linke Parteien teil (PPP, Polska Partia Socjalistyczna, Ruch Odrodzenia Gospodarczego und Racja Polskiej Lewicy) Leider war wegen der vorgezogenen Neuwahlen die Zeit für eine Vorbereitung zu kurz. Dann zeigte sich, dass doch manche mit den Sozialdemokraten liebäugelten.

Ein Experiment der Zusammenarbeit von verschiedenen linken Parteien, Bewegungen und Gewerkschaftern gibt es allerdings: im Komitee zum Schutz und zur Verteidigung unter Repression geratener Arbeiter (KPiORP). In vielen Städten arbeitet man unter diesem Schild zusammen.

Bei den letzten Wahlen trat als einzige außerparlamentarische Partei die PPP an. Obwohl sie in den Medien nicht zu Wort kam, konnte linkes Gedankengut bei Wahlveranstaltungen unter die Menschen gebracht werden — die Anhebung des Mindestlohns, die Forderung nach Abzug polnischer Truppen aus dem Irak und aus Afghanistan, die Forderung nach Einführung der 35-Stunden-Woche, Steuererhöhungen für Reiche. Die PPP bekam etwa 160000 Stimmen, also 1%. Das ist ein Anfang, zumal viele Menschen gegen die Privatisierung sind, für den Abzug der Truppen und gegen Sozialabbau. Das ist eine Hoffung für Polen, aber auch für Linke in Westeuropa.

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