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Für viele Zuhörer bzw. Leser mag es zunächst auch einleuchtend sein, dass die Finanzkrise schuld ist an der sich derzeit verschlechternde Lage wirtschaftlichen Lage. Schließlich sind die Medien voll von Meldungen über Massenentlassungen bei Banken. Es ist allerdings eine gewisse Skepsis angebracht, ob diese Ansicht einer kritischen Überprüfung standhält. Zunächst einmal stimmt es, dass Banken, so wie andere Unternehmen auch, vorrangig an Profit interessiert sind und keine Hemmungen haben, Menschen auf die Straße zu setzen, um die Rendite zu steigern. Genau das ist allerdings auch der Grund, weshalb die Finanzkrise gerade nicht einfach so zu Entlassungen in Deutschland führen wird: Könnten die Banken auf Mitarbeiter verzichten, hätten sie diese sowieso schon entlassen, ob mit oder ohne Krise. Nur wenn die Krise zu weniger Nachfrage nach Bankdienstleistungen führen sollte, könnten die Banken jedoch in Folge der Krise auf Mitarbeiter verzichten. Es leuchtet allerdings nicht ein, wieso nun in Deutschland weniger Bausparverträge oder weniger Ratenkredite verkauft werden sollten. Das soll nun nicht heißen, dass im Finanzsektor viele nee Jobs entstehen werden – hier werden bereits seit Jahren Stellen abgebaut. Während sich die Großbanken jedoch noch im letzten Jahr dafür angesichts der Rekordgewinne rechtfertigen mussten, haben sie nun eine willkommene Ausrede.
Doch welche Folgen hat die Finanzkrise denn bisher überhaupt auf die Realwirtschaft bzw. welche sind denkbar? Seit Anfang August 2007 sind die Zinsen am Geldmarkt, also dem Markt, an dem die Banken sich untereinander Geld leihen (daher auch Interbankenmarkt) deutlich gestiegen. Normalerweise notiert der 3M-EURIBOR, sozusagen der Leitzins am Interbankenmarkt, rund 12 Basispunkte (0,12%) über dem Mindestbietungssatz der EZB (dem Hauptleitzins), aktuell sind es ca. 70 Basispunkte. Damit verteuert sich die Refinanzierung für die Geschäftsbanken und entweder sinken deren Margen (grob gesagt die Differenz zwischen Sollzins und Habenzins) oder die Banken geben die Verteuerung weiter und die Kredite für Unternehmen und Haushalte werden teurer. Im ersten Fall sinkt die Eigenkapitalrendite der Kreditinstitute und vielleicht müssen einige ihren hohen Ansprüche von 25% dauerhaft zurückschrauben – sicherlich mittelfristig keine schlechte Entwicklung. Im zweiten Fall würde die Kreditvergabe zurückgehen und damit auch die Investitionen, was dann eine Belastung für die Volkswirtschaft darstellen würde. Nun kann dies bislang allerdings nicht beobachtet werden, eher im Gegenteil, die Zinsen für langfristige Kredite sind sogar zurück gegangen und selbst eine allgemein restriktivere Kreditvergabe (also bei jedem gegebenem Zins weniger Kreditangebot, also eine Linksverschiebung der Kurve) scheint derzeit kein Problem darzustellen.
Die Finanzkrise als direkte Ursache für ein geringeres Wachstum in Deutschland scheidet damit aus. Was aber sind dann die Ursachen für den immer stärker werdenden Pessimismus? Starten wir mit einem Gedankenexperiment und versetzen uns an den Jahresanfang oder auch den Frühling 2007. Während das Platzen der US-Immobilienblase zwar in Fachkreisen vernommen wurde und eine Abkühlung der US-Konjunktur erwartet wurde, war die Stimmung allgemein sehr gut, und insbesondere für Europa erwartete man ein weiteres „Boom-Jahr“. Der Ölpreis notierte damals bei rund 60 USD je Fass und damit noch unter dem Stand des Jahres 2006, für einen Euro erhielt man noch ganze 1,3 USD. Ein wenig Sorgen bereite lediglich der private Konsum in Deutschland, doch angesichts der sinkenden Arbeitslosenzahlen erwarteten die Mainstream-Ökonomen auch hier bald eine spürbare Besserung. Hätte damals jemand vorhergesehen, dass sich in gut einem Jahr der Ölpreis fast verdoppelt haben würde und der Euro um 25% aufgewertet hätte, die Prognosen für das Wachstum 2008 hätten vermutlich im besten Fall so ausgesehen, wie sie sich jetzt darstellen. Vielleicht nicht in Deutschland, aber doch sicherlich in unseren Nachbarländern, wäre eine Diskussion aufgekommen, welche Maßnahmen man gegen die Folgen ergreifen könnte.
Nun stehen wir im Frühling des Jahres 2008 und die Euroaufwertung wird als naturgegeben hingenommen - eine Verteuerung der Exporte um 25%, während Lohnabschlüsse knapp über der Inflationsrate als Untergang und sicheren Weg in den Kommunismus gesehen werden. Nun muss noch nicht einmal über Devisenmarktinterventionen nachgedacht werden, um die Aussichten zu verbessern. Schließlich sollen die USA ihr gigantisches Außenhandelsdefizit abbauen. Doch nach wie vor schwächelt der private Konsum in Deutschland, während in unseren Nachbarländern die ehemals guten Wachstumsraten beim Konsum dahinschmelzen. Angesichts der nur scheinbar positive Arbeitsmarktentwicklung ist dies auch keine wirkliche Überraschung, zumindest nicht für all diejenigen, die nicht im Tunnelblick der Mainstream-Volkswirte gefangen sind.
Und genau hier wäre der Ansatzpunkt: Die Binnennachfage, der private Konsum muss endlich gestärkt werden. Hier liegt die Ursache für die deutsche Wachstumsschwäche und damit auch für die Massenarbeitslosigkeit, die dann wiederum als Begründung für immer neue Einschnitte ins soziale Netz verwendet wird, was die Binnennachfrage noch weiter schwächt. Doch bevor eine solche Diskussion auch nur aufkommen könnte, wird die Finanzkrise als Ursache dargestellt und jede weitere Debatte damit unterbunden. Ja mehr noch, es werden weitere Reformen verlangt, aber das ist dann wieder ein anderes Thema.
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Thomas Müller
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