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Osteuropa: Kapitalflucht und Börsendramatik
Mittwoch 22. Oktober 2008 von Infoseite Polen
Der wichtigste Warschauer Börsenindex, WIG 20, verlor heute 7,6 %, der Zloty stürzte weiter ab. Die polnische Währung verlor innerhalb von zwei Tagen allein gegenüber dem Euro 27 Groszy oder 7,6 % an Wert und notierte heute am frühen Abend bei 3,81. Gegenüber dem Dollar vollzog sich der Absturz noch dramatischer. Der WIG 20 erreichte nur noch 1682 Punkte, einen Tiefstand seit August 2004.
Der Kursverfall des Zloty hatte sich auch am Nachmittag fortgesetzt, obwohl Ungarn, nach Ansicht polnischer Politiker der eigentliche und ausschliessliche Krisenherd der Region, heute in einer verzweifelten Aktion seinen Leitzins von 8,5 % auf 11,5 % angehoben hatte und kurzzeitig die eigene Währung stabilisieren konnte.
Aus Polen und den anderen mittelosteuropäischen Ländern ziehen sich momentan offenbar vor allem US-amerikanische und britische Fonds zurück, die dringend Liquitität in der Ursprungswährung benötigen. Für Portfolio-Investoren, die sich auf den Anleihenmarkt beschränkten, ist der Rückzug meistens sogar noch mit Gewinnen verbunden, denn dem plötzlichen Absturz des Zloty in den letzten Wochen war seit Anfang 2007 ja eine allmähliche Kurssteigerung vorausgegangen.
Die Auswirkungen der Warschauer Börsen- und Währungsturbulenzen sind bislang kaum abzusehen. Unmittelbar betroffen sind die nach Schätzungen der Nationalbank NBP ca. 600.000 polnischen Haushalte, die Kredite, vor allem Hypothekenkredite, in Dollar, Euro und nicht zuletzt Schweizer Franken aufgenommen haben. Die Bedienung der Auslandsschulden (s. Artikel “Auslandsverschuldung auf Rekordstand”), die bereits heute polnischen Steuerzahlern und Arbeitnehmern hohe Belastung auferlegt, wird für Staat und Unternehmen deutlich erschwert. Impulse für die Exportindustrie dagegen kann man nicht erwarten, denn die wichtigsten Abnehmerländer polnischer Industrieerzeugnisse bereiten sich auf eine Rezession vor. Ein weiter anhaltender Kursverfall des Zloty könnte aber ein Problem der polnischen Industrie verschärfen, - die temporäre und dauerhafte Arbeitsemigration qualifizierter Facharbeiter.
Premier Tusk hat es bislang vermieden, zur aktuellen wirtschaftlichen Situation längere Ausführungen zu machen. Sein Finanzminister Rostowski hatte bis vor kurzem stoisch erklärt, die internationale Finanzmarktkrise sei eigentlich kein polnisches Problem. Doch spätestens mit dem heutigen Tag sind Polen und die anderen viel gepriesenen “Emerging Markets” Mittelosteuropas zu Krisenländern erster Kategorie geworden. Eine konjunkturpolitisch kontraproduktive Zinserhöhung wie in Ungarn wird man auch in Polen evtl. nicht vermeiden können, um den weiteren Kapitalabfluss zu stoppen. Die Manager der internationalen Investmentbanken spekulieren evtl. sogar darauf. Kapitalverkehrskontrollen sind durch den Lissabon-Vertrag verboten. Den weigerte sich Präsident Kaczynski zwar bislang zu unterschreiben, aber die Regierung Tusk fühlt sich daran gebunden. Mit einer “argentinischen Lösung” haben wohl einige Abgeordnete der jetzt oppositionellen “Recht und Gerechtigkeit” (”PiS) längere Zeit geliebäugelt. D. h. der polnische Staat würde sich für zahlungsunfähig erklären, seinen Gläubigern eine Vergleichsquote anbieten (in Argentinien 24 %) und dann mit einer abgewerteten Währung einen Neuanfang versuchen. Aber dieses Szenario erscheint für ein EU-Land wenig realistisch. Wenig realistisch ist es aber möglicherweise auch, dass die Europäische Zentralbank zugunsten der mittelosteuropäischen Länder in das Marktgeschehen eingreift, es sei denn, die spezifische Krise der MOE-Länder würde Auswirkungen im Euro-Raum zeigen.
Es bleibt spannend in Warschau, - und natürlich auch in Budapest, Bukarest, Wilna, Riga usw. . In Polen wird man sich vergegenwärtigen müssen, dass der Aufstieg in die erste Liga vorläufig gescheitert ist. Die peripheren Länder müssen sich darauf einstellen, dass die USA und die EU-Hauptländer bemüht sein werden, die Folgen ”ihrer” Krise zu externalisieren, d. h. neben den rohstoffexportierenden Ländern auch solchen abhängigen Ländern wie Polen anzulasten.
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Infoseite Polen
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